Gefunden, geschickt … das Märchen vom Blindtext, zu Ende erzählt.

Ein alter Freund hat mir mal ein kleines Märchen aus der Buchstabenwelt geschickt. Wo er es fand, weiß ich nicht, geschrieben hat er es sicher nicht selbst. Ich freute mich über die Geste und war doch betrübt, denn der Schluss erschien mir zu grausig! Ich fand, dass es so noch nicht zu Ende sein könne … Viel Spaß!

Weit hinten, hinter den Wortbergen, fern der Länder Vokalien und
Konsonantien leben die Blindtexte. Abgeschieden wohnen Sie in Buchstabhausen an der Küste des Semantik, eines großen Sprachozeans. Ein kleines Bächlein namens Duden fließt durch ihren Ort und versorgt sie mit den nötigen Regularien. Es ist ein paradiesmatisches Land, in dem einem gebratene Satzteile in den Mund fliegen. Nicht einmal von der allmächtigen Interpunktion werden die Blindtexte beherrscht – ein geradezu unorthographisches Leben. Eines Tages aber beschloss eine kleine Zeile Blindtext, ihr Name war Lorem Ipsum, hinaus zu gehen in die weite Grammatik.

Der große Oxmox riet ihr davon ab, da es dort wimmele von bösen Kommata, wilden Fragezeichen und hinterhältigen Semikola, doch das Blindtextchen ließ sich nicht beirren. Es packte seine sieben Versalien, schob sich sein Initial in den Gürtel und machte sich auf den Weg. Als es die ersten Hügel des Kursivgebirges erklommen hatte, warf es einen letzten Blick zurück auf die Skyline seiner Heimatstadt Buchstabhausen, die Headline von Alphabetdorf und die Sublime seiner eigenen Straße, der Zeilengasse. Wehmütig lief ihm eine rhetorische Frage über die Wange, dann setzte es seinen Weg fort.

Unterwegs traf es eine Copy. Die Copy warnte das Blindtextchen, da, wo sie herkäme, wäre sie zigmal umgeschrieben worden und alles, was von ihrem Ursprung noch übrig wäre, sei das Wort „und”. Das Blindtextchen solle lieber umkehren und wieder in sein eigenes, sicheres Land gehen. Doch alles Gutzureden konnte das Blindtextchen nicht überzeugen und so dauerte es nicht lange, bis ihm ein paar heimtückische Werbetexter auflauerten, es mit Longe und Parole betrunken machten, um es dann in ihre Agentur zu verschleppen, wo sie es für ihre Projekte wieder und wieder missbrauchten. Und wenn es nicht umgeschrieben wurde, dann benutzen sie es immer noch.

Liebe Grüße, Hans

Das war nicht das Ende, Hans! Lies selbst …

Eines Tages jedoch traf das Blindtextchen einen Freund. Es war ein Schusterjunge, der auch selber nicht mehr Jungfrau war, aber auch kein Zwiebelfisch oder Fliegenkopf und schon gar keine Leiche. Und so wurde eine hübsche Hochzeit ausgerichtet, ein Hurenkind und ein @chen streuten Anführungsstrichlein, die Strophen tanzten, was die Versfüße hergaben, der Hexameter soff den Knittelvers unter den Tisch und auch sonst stand alles zwischen den Zeilen bis das Blei graute. Und so ging es mehrere Bände, bis schließlich die unerbittlichen Nullen und Einsen vor der Tür standen und dem Gesetz der Programmiercodes zur Durchsetzung verhalfen. Mit einigen abgestürzten Programmen verzog sich die gesamte Schriftgesellschaft daraufhin höchst simulativ ins bunte Worldwideweb.

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